
Achtsamkeit & Amazonas-Regenwald
Gersbach, 10.05.2026
Was hat Achtsamkeit mit dem Regenwald zu tun? Mir kam der Gedanke, während ich auf einer längeren Tour tief im Regenwald unterwegs war. Denn Augen und Ohren müssen achtsam sein, um die versteckten Bewohner sehen zu können!




Unterwegs im Regenwald
Das Kanu gleitet fast lautlos über das Wasser, alle sind ganz ruhig und versuchen auch mit dem Paddel keine Laute zu verursachen. Die Augen auf das dichte Grün des Dschungels an beiden Ufern gerichtet halten wir Ausschau nach Bewegungen. Früh am Morgen erwacht der Wald zum Leben und ein vielschichtiges Konzert an Vogelgesang und -rufen beginnt. Oft hört man zuerst die Tiere und versucht sie dann zu erspähen. Manchmal verraten sie sich auch durch bewegende Äste, dass hier gerade eine Gruppe von Affen durch die Bäume hangelt.
Naturerlebnis und pures Abenteuer
Ich bin ganz selig und zutiefst glücklich so tief im Dschungel, umgeben von Natur und einer Artenvielfalt, wie sie ihres gleichen sucht. Doch man muss die Augen und Ohren offen halten, um die wilden Tiere- die nicht selten fast unkenntlich getarnt sind zu entdecken. Einige Bewohner wollen auch regelrecht gesehen werden- wie der handtellergrosse blaue Morpho, ein Schmetterling, dessen durch Lichtreflektion in einem himmelblau schimmernde Flügel sich stark von dem Grün der Bäume abhebt. Es ist magisch, ihn über dem Fluss oder zwischen den Bäumen vorbeiflattern zu sehen. Wenn er sich jedoch mit geschlossenen Flügel am Baum ausruht verschmilzt er mit dem Rindenmuster der Bäume- ebenso wie viele andere Tiere, die sich so vor Fressfeinden schützen.
Die Gelbbrust-Aras hört man schon von weitem Krächzen und sieht sie dann meist über den Baumwipfeln paarweise elegant dahin fliegend. Auch ihre Farbe und Rufe sind offensichtlich. Wenn ich sie so im Fluge sehe, frage ich mich, wer auf die dumme Idee kam, diese majestätischen Vögel in einen Käfig zu stecken, wo sie nicht einmal ihre Flügel ausbreiten können?
Eines Morgens wurden wir Zeuge einer vorbeiziehenden Gruppe von Totenkopfäffchen- dutzende von ihnen hangelten sich von Ast zu Ast auf der Suche nach Früchten, mit ihren zwitschernden typischen Rufen.
Waldbaden mit allen Sinnen
Mehrmals waren wir auch zu Fuss im dichten Wald unterwegs- ausgestattet mit Gummistiefel, falls man doch einmal eine Schlange oder Spinne überrascht. Der Boden oft schlammig und die Wege durchkreuzt von den Strassen der Ameisen- da sind die Blattschneideameisen, die unermüdlich Blätter zerschneiden und die stückchen in ihren Bau tragen- um dort einen Pilz zu nähren, der wiederum ihre Nahrung bildet. Es sind kleine Gärtner. Auch die 2-3cm großen Kongas sind hier unterwegs- ihr Beiname 24h-Ameise kommt nicht von ungefähr- ihr Stich gilt als einer der schmerzhaftesten Insektenstiche weltweit und verursacht grosse Schmerzen. Die Zikaden erfüllen die Luft mit ihren vibrierenden Frequenzen und abends stimmen die Frösche mit ein.
Nachts ist besonders viel los- da sind Skorpione, Spinnen und allerlei Amphibien unterwegs. Oben an der Palme hängt eine riesige Tarantel und wartet auf Beute und in den Ästen fast vor unserer Nase schaut uns ein Baumfrosch mit großen Augen an.
Immer wieder bin ich erstaunt, wie unser Guide und auch Bootskapitän mit Adleraugen selbst entfernteste Tiere entdecken: in den Baumwipfeln die Aras und Tukane, Affen, die gerade Siesta machen, ja sogar eine junge in einer Palme zusammengerollte Anakonda sehen wir so.
Achtsamkeit bedeutet bewusste Wahrnehmung
Die Achtsamkeitspraxis, die ich gut vom Yoga kenne und auch mehr und mehr versuche im Alltäglichen umzusetzen ist auch hier im Regenwald sehr nützlich. Ganz bewusst und mit allen Sinnen den Moment, das Hier und Jetzt erleben. Während man so auf engen Pfaden durch das dichte Grün sich bewegt, hält man natürlich die Augen und Ohren offen, schaut, wo man den Fuss als nächstes hinsetzt und versucht es dem Guide gleichzutun und auch Tiere zu entdecken. Immer wieder zeigt er uns auch Pflanzen mit besonderem Duft oder Geschmack, Medizinpflanzen, Farbe, Früchte, Gifte, der Wald bietet alles. Man sollte alleine schon aus Sicherheitsgründen achtsam gehen- um nicht in dornige oder mit Ameisen besetzte Äste zu greifen oder im tiefen Schlamm zu versinken. Doch auch das Beobachten von Tieren erfordert den achtsamen Blick.
Die Freude ist groß, als ich auf einem Nachtspaziergang meine erste Tarantel im Baum entdecke, oder das blaurote Aufblitzen auf dem Fluss einen Eisvogel verrät. Während wir so im Wald stehen und der Guide etwas erzählt erspähe ich sogar für den Bruchteil eines Moments einen Kolibri durch die Luft surren- Magie pur.
Mosaik des Lebens
Schon seit ich als Jugendliche mit Naturschutz beschäftigte, übten die tropischen Regenwälder eine große Faszination auf mich aus. Zum ersten Mal stand ich in einem tropischen Regenwald in Malaysia und war beeindruckt von den vielen Bewohnern, die sich zeigten- flatternd, fliegend, kriechend, kletternd- wenn man leise und achtsam durch den Wald geht. Nicht als Eindringling der schadet, sondern als Besucherin, die bewundert. Ich bin überzeugt davon dass der Wald und die Tiere das spüren und bin auch so im Vertrauen, dass mir nichts passiert hier. Ich weiss für viele wäre es ein Gräuel mit der Angst vor Schlangen und Insekten in den Regenwald zu gehen; für mich ist es ein Geschenk und Abenteuer pur.
Dieses Netzwerk ist so exakt aufeinander abgestimmt: jedes Tier und jede Pflanze, jeder Pilz hat seine Aufgabe, alles ist im Gleichgewicht. Die indigenen Völker wissen seit Jahrtausenden, wie sie achtsam und nachhaltig hier mit und von dem Wald leben können. Aber die Gier nach Rohstoffen wie Gold und Öl, Edelhölzern und Fläche gefährden dieses wunderbare, riesige Ökosystem. Immer wieder kämpfen die indigenen Völker hier in Ecuador gegen die Ölriesen an, damit diese nicht noch mehr Wald zerstören und verschmutzen. In Amazonien generell ist die Viehzucht und der Sojaanbau eine der größten Gefahren- man hört es nicht gerne, aber es ist die Wahrheit- weniger Fleisch zu essen bedeutet den Regenwald zu schützen! Denn das hier angebaute Soja landet hauptsächlich als Futter in der industriellen Landwirtschaft.
Achtsamkeit und Schutz ist auch hier gefordert- um dieses einmalige, größte tropische Waldgebiet zu erhalten. der Amazonas-Regenwald ist zwar weit weg, doch beeinflusst ungemein das Weltklima. Es sind die Lungen der Erde, Lebensraum vieler Arten (ein Großteil noch unentdeckt), Medizinpflanzen, Heimat indigener Völker, von denen wir viel lernen können.
Ich hoffe bald wieder zurückkehren zu können- den jeder Besuch ist anders und immer wieder wird man überrascht, was man erblickt. Der Wald zeigt einem seine ganze Schönheit und Vielfalt, wenn man mit offenem Herzen und Sinnen kommt.
